Was, wenn Empfingen der Strom ausgeht?

Was, wenn Empfingen der Strom ausgeht?

Wenigstens 72 Stunden, so das Ziel der Gemeindeverwaltung, soll Empfingen bei einem Stromausfall autark bleiben können. Der Gemeinderat debattierte.

Bei Stromausfall möchte Empfingen handlungsfähig bleiben. Bild: Herold Schwind
Bei Stromausfall möchte Empfingen handlungsfähig bleiben. Bild: Herold Schwind

Mindestens drei Tage oder 72 Stunden Autarkie bei einem Stromausfall ist das Ziel der Gemeindeverwaltung in Empfingen. Diese Zielvorgabe bestehe in Empfingen aber schon lange vor der Energiekrise und dem Ukrainekrieg, habe aber jetzt eine ganz andere Bedeutung bekommen, so Bürgermeister Ferdinand Truffner in der Gemeinderatssitzung am Dienstagabend.

Gemäß der Festlegung der Kommune sind die das Rathaus, Bauhof und

Feuerwehrgerätehaus, die Täleseehalle, das Dorfgemeinschaftshaus mit der Feuerwehr Wiesenstetten, die Kühlzelle auf dem Friedhof Empfingen und die Kläranlage Fischingen auf eine Notstromversorgung angewiesen. Für einen kompletten Ausbau müssten hier rund 555000 Euro investiert werden.

Der Sitzung per Videostream zugeschaltet war der zuständige Planer Raphael Hering des Büros RBS Wave, einem Tochterunternehmen der Netze BW. Mit dem Hinweis, bereits 70 Kommunen in ähnlicher Form wie Empfingen zu betreuen, präsentierte Hering seine für Empfingen erarbeitete Notfallplanung. Ziel des Konzeptes soll sein, bei großflächigen Stromausfällen über einen Zeitraum von mehreren Stunden bis zu drei Tagen in den genannten Gebäuden und Einrichtungen handlungsfähig zu bleiben. Eine flächendeckende Ersatzstromversorgung der Kommune für Blackouts sei in Empfingen nicht vorgesehen.

Priorisiert werden nach Absprache mit der Gemeindeverwaltung und des Gemeinderates die Wasserversorgung, Feuerwehr und Bauhof Empfingen, Täleseehalle und das Dorfgemeinschaftshaus/Feuerwehr in Wiesenstetten.

 

Wasserversorgung über Pumpen

Zunächst soll in ein Notstromaggregat für die Wasserversorgung vom Fischinger Pumpwerk hinauf nach Empfingen investiert werden. Sein Leistungsbedarf im Notstrombetrieb beträgt rund 200 Kilovoltampere (kVA). Mit eine Investition von etwa 185500 Euro in eine Netzwerkersatzanlage und eine noch zu planenden Angleichung der Elektroinstallation sei dies die größte und Investition.

Das Feuerwehrhaus in Empfingen soll als Ort des Führungsstabs der Feuerwehr, Kommandozentrale und als Anlaufstelle für Bürgerinnen und Bürger fungieren. Der Bauhof in unmittelbarer Nähe sei grundsätzlich auch ohne Ersatzstromversorgung handlungsfähig. Bei langfristigen Ausfällen müsse jedoch auch hier eine Mindeststromversorgung greifen. Beide Gebäude seien mit einem mobilen Notstromaggregat mit etwa 50 kVA Leistung zum Preis von 65000 Euro zu bedienen; zusätzlich werden jeweils 4000 Euro zur Anpassung der Elektroversorgung fällig.

Bei langfristigen Stromausfällen sollen die Täleseehalle und das Dorfgemeinschaftshaus Wiesenstetten der Bevölkerung als Notunterkünfte dienen. Die Täleseehalle kann zwischen 155 und 272 Personen aufnehmen, der Wiesenstetter Dorfgemeinschaftsraum zwischen 45 und knapp 80 Personen. Mit fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung stelle dies eine guten Wert für Empfingen dar, so Hering. Die Funktion beider Unterkünfte soll mit jeweils einem mobilen Notstromaggregat mit 60 bis 80 kVA als Netzersatzanlage und Kosten von jeweils rund 74000 Euro gewährleistet werden.

Später soll zur pietätvollen Lagerung Verstorbener bei Stromausfällen die Kühlzelle des Friedhofs notversorgt werden; die Anlage hierfür kostet 8000 Euro, 6000 Euro die anhängigen Installationsarbeiten. Im Rathaus müssten 65000 Euro für eine Netzersatzanlage und 9000 Euro für Anpassungsarbeiten investiert werden. Bis auf das Pumpwerk in Fischingen sollen alle Netzersatzanlagen mobil ausgeführt werden, um variabler und zielgenauer arbeiten zu können. Die Entwässerung aus dem Gemeindegebiet erfolgt großteils stromlos, teilweise sieht die Notfallplanung vor, bei Bedarf Schieber des Regenüberlaufbeckens manuell einzustellen. Im Rahmen der Verlegung und Sanierung der Trafostation in Fischingen wird empfohlen, eine Ersatzstromversorgung vorzusehen.

 

9000 Liter Diesel für drei Tage

Der Kraftstoffbedarf für einen dreitägigen Betrieb bei Stromausfall wird in Empfingen auf insgesamt auf 9000 Liter Diesel und rund 500 Liter Ottokraftstoff beziffert. Für den Krisenfall müssten zirka 7000 Liter Diesel und 300 Liter Benzin vorgehalten oder bezogen werden. Hier strebt die Gemeinde Verträge mit den Tankstellen zur Priorisierung an.

Im Besucherbereich saß Elektroingenieur Bernd Dürr, dessen Unternehmen die Planungen und Arbeiten übernehmen soll.

Gemeinderat Joachim Gfrörer frage, wie die Kommunikation bei Stromausfall ohne Telefon und Internet funktionieren könne. Hering erläuterte, Feuerwehr und übergeordnete Behörden nutzten in der Krisenkommunikation bis zur Umstellung auf Digital-Funk über den analogen BOS-Funk, genauso wie innerhalb der Feuerwehr. Ob es bei einem Investitionsvolumen von 555000 Euro alleine für Empfingen sinnvoll sei, mit anderen Kommunen in die Netzersatzanlagen zu investieren, wollte Gfrörer außerdem wissen. Hering verneinte dies plakativ: „Wer bekommt es bei einem gemeinsamen Bedarf? Wahrscheinlich da, wo es steht.“ Hilfreicher sei, bei einer gemeinsamen Bestellung mit anderen Kommunen günstigere Preise auszuhandeln.

 

Keine Pflicht, keine Förderung

Wie Hering erklärte, seien Kommunen noch nicht verpflichtet, Maßnahmen wie die diskutierten umzusetzen. Die Empfinger Kämmerin Annika Bezner fragte nach Förderprogrammen. Hering konnte keines nennen, allenfalls im Rahmen der Beschaffung für die Feuerwehr oder die Trinkwasserversorgung.

„Da können wir rödeln, wie wir wollen, und bringen tut es nichts“, unkte Gemeinderat Elmar Schmitt. Zwar seien die Investitionen geeignet, drei kritische Tage zu überbrücken, „doch was kommt bei einem Blackout danach?“ Hering entgegnete, seine Aufgabe behandele eben ein Dreitagespaket, danach sei die Politik gefragt.

Gemeinderat Achim Walter fragte, ob es sinnvoll sei, zusätzliche Bodentanks für zur Bevorratung von Diesel einzurichten. Bernd Dürr riet davon ab, da der heutige Dieselkraftstoff mit Bioanteilen, bei einer längeren Lagerung die Düsen der Motoren verstopfe.

 

Heizöl für Diesel-Fahrzeuge?

Laut Hering wäre es auch zulässig, die Netzersatzanlagen mit Heizöl zu betreiben, was die Frage provozierte, ob man dann auch Fahrzeuge damit betanken dürfe. „Was im Krisenfall ist, das ist mir egal, allerdings darf ich es nicht empfehlen“, meinte er hintersinnig.

Harald Briegel hinterfragte den Sinn des Vorhabens, sieben Notstromaggregate zu beschaffen. Bürgermeister Ferdinand Truffner begründete das Vorhaben damit, dass zum Beispiel die Feuerwehr die Geräte auch außerhalb von Krisenzeiten beispielsweise zum Ausleuchten von Einsatzorten nutzen könne.

Achim Walter regte an, zu prüfen, welche nicht gefassten Wasserquellen sich eignen, an die Hochbehälter angeschlossen zu werden. Laut Truffner soll die Firma Dreher und Stetter ein Strukturgutachten zu dieser Frage erstellen.

Der Gemeinderat nahm das technische Versorgungskonzept zur Kenntnis und priorisierte einstimmig die Umsetzung der vier Maßnahmen Feuerwehr/Bauhof, Wasserversorgung, Täleseehalle und Dorfgemeinschaftshaus Wiesenstetten.

Dieser Zeitungsartikel wurde von der „Südwest Presse Neckar-Chronik“ am 12.10.2022 veröffentlicht.